Es wird immer so viel über Schuld und Verantwortung geredet. Und ich höre immer wieder: „das muss bei jedem Einzelnen anfangen“, „du bist schuld- du musst Verantwortung übernehmen“ und während die Wirtschaft schuld ist, muss das Land oder der Bund sich kümmern.

Wer erkennt sich hier wo wieder?

Es sind allesamt Sätze, bei denen die Verantwortung immer außerhalb von Personen zu liegen scheint oder gar keine Person speziell gemeint ist. Ich habe dies zum Anlass genommen, mal über „Verantwortung“ zu schreiben.

Woher kommt Verantwortung und was bedeutet das genau?

Bei Wikipedia habe ich den folgenden Satz gefunden: „Wenn jemand grundsätzlich ablehnt, Wertmaßstäbe für sich gelten zu lassen, wird er auch ebenso die Zurechnung von Verantwortung nicht akzeptieren. Nach Karl-Otto Apel ist Verantwortung eine soziale Institution zur Kompensation von Gleichgewichtsstörungen. Die Kategorie der Verantwortung dient der Regulierung sozialer Verhaltensweisen und damit der Verbesserung des gemeinsamen Lebens.“[1]

„Zur Verbesserung des gemeinsamen Lebens“ – wow. Was für eine Wucht.

Verantwortung und Beruf

Im beruflichen Leben als Angestellte ist mir oft aufgefallen, dass – insbesondere in Krisenzeiten –immer weniger Personen Verantwortung übernehmen wollten. Es schien so, als wollten sie für nichts verantwortlich gemacht werden. Meine Vermutung ist, dass das aus Angst geschieht. Angst, die Arbeit zu verlieren. Angst, dann den gewohnten Lebensstandard nicht mehr aufrecht halten zu können. Angst, vor möglicher Denunziation, wenn Arbeitslosigkeit eintritt.

Dem gegenüber steht die Verantwortung, für sich und sein Handeln einzustehen, sich im Spiegel anschauen zu können, ohne das eigene Gesicht zu verlieren. Dem gegenüber steht – Freude, gemeinsam auf Augenhöhe zu arbeiten. Dem gegenüber steht – Gleichberechtigung. Dem gegenüber steht – für sich einstehen. Hieraus entsteht achtsam mit sich und seinen Mitmenschen umgehen. Hieraus entstehen keine Schuldzuweisungen, sondern tolerantes, lösungsorientiertes, miteinander arbeiten.

Verantwortung und das eigene Leben

Wenn Sie auf Ihre eigene Sprache und die Sprache der Menschen um Sie herum achten, hören Sie ganz oft „Ich muss noch dies oder jenes erledigen“ oder „wenn ich nur Zeit hätte, würde ich ja, aber…“. Das Wörtchen „muss“ drückt Passivität schlechthin aus. Das heißt, wenn ich „muss“ benutze, lasse ich andere über mich und mein Leben bestimmen. Ich habe es nicht selbst in der Hand und ich übernehme damit auch nicht die Verantwortung für mein eigenes Leben. Ich kann jedem nur den Tipp geben, sein Leben selbst zu gestalten, nach den eigenen Vorstellungen, denn Sie haben nur dieses eine Leben. Und ich kann Ihnen aus Erfahrung sagen, dass das ein Gefühl von Leichtigkeit, Freiheit, Freude und pure Lebenslust mit sich bringt. Und noch ein kleiner Nebeneffekt: Die Menschen in Ihrer Umgebung merken es. Falls Sie Kinder haben, kann ich Ihnen sagen, dass auch Kinder das spüren und sie dankbar sind, wenn Sie ihnen Lebensfreude zeigen.

Verantwortung und Politik

Politik zu machen, ist schwierig, denn man kann es nie allen Recht machen, denn sie stecken oft zwischen den Stühlen fest. Das meine ich nicht wort-wörtlich. 😉 Sie sollen sich nicht in die Wirtschaft einmischen, sollen aber Geld zuschießen und wirtschaftsgünstige Gesetze erlassen. Kein leichter Job.

Dennoch frage ich mich inzwischen fast täglich, wonach orientieren sich Politiker? Nach Moral? Nach Werten? Und welche Moral und welche Werte sind es dann?

Dabei steht doch im Grundgesetz, dass die Politik zum Wohle des Volkes, also der Mitbürger*Innen, handeln soll. Dieser Verantwortung für die Bürger*Innen scheint die Politik sich immer weniger zu interessieren. Wirtschaft ist zwar wichtig, aber wenn es zu wirtschaftslastig wird, entsteht ein Ungleichgewicht.

Die Politik täte sich gut daran, ihre Moral und Werte zu überdenken beziehungsweise diese wieder in den Mittelpunkt zu rücken, um Wirtschaft und die Verantwortung für ihre Bürger*Innen in ein Gleichgewicht zu bringen.

Verantwortung und Wirtschaft

Wirtschaft, Wirtschaft, Wirtschaft. Als wäre es das Wichtigste überhaupt. Jetzt hat sie einen Nebenbuhler bekommen. Nicht, dass sie das nicht schon vorher hatte, aber durch Corona ist dies endlich wieder ans Tageslicht gekommen: Die Menschen und ihre Gesundheit.

Die Wirtschaft möchte Steuergelder in Krisenzeiten, um zu überleben. Die größten Marktplayer schreien am lautesten. Und wer am lautesten schreit, bekommt auch was. Aber wehe, die Politik möchte im Wirtschaftsunternehmen für das Geld dann Stimmrechte bekommen.

Ganz anders bei den Freiberuflern. Diese dürfen die Steuergelder nur für Betriebsausgaben verwenden. Wovon sollen sie überleben? Und ich rede hier nicht von der Ausführung ihrer Tätigkeit, sondern von lebenserhaltenden Maßnahmen wie Essen und Trinken. Natürlich könnte man hier sagen, auch Freiberufler müssen für sich Rücklagen bilden, mit dem Verdienten gut haushalten, um in Krisenzeiten sich ernähren zu können. Das Gleiche gilt aber auch für jedes andere Wirtschaftsunternehmen. Jedes Unternehmen muss vorsorgen.

Natürlich finde ich es gut, dass ein gesunder und reicher Staat wie Deutschland seinen Mitbürger*Innen unter die Arme greift. Aber auch ein Staat hat vorzusorgen. Deshalb sollte das „unter die Arme greifen“ mit Bedacht gewählt werden. Einfach das Geld hinterher zu schmeißen, ohne Auflagen, ist nicht sinnvoll und nicht fair gegenüber den Bürger*Innen, die diese Steuergelder einbezahlt haben. Es scheint, vieles wird so sinnfrei von der Politik abgesegnet.

Aber zurück zur Wirtschaft und Verantwortung. Auch hier sind mir Moral und Werte weit abhanden gekommen. Sehen sich die Wirtschaftsunternehmer allein den Aktionären gegenüber in der Verantwortung oder sind Wirtschaftsunternehmen nicht auch für ihre Mitarbeiter verantwortlich?

Wie kann es sein, dass ein Global Player Milliarden von Steuergeldern vom Staat erhält, Festangestellte dafür entlässt und Subunternehmer dafür engagiert? Hier fehlen Verantwortung und Mitmenschlichkeit in jeglicher Hinsicht. Wäre es nicht an der Zeit, in solchen Situationen Einsparungen bei den Gehältern und Tantiemen der Vorstände und Geschäftsführer vorzunehmen? Allein hierdurch könnte man vermutlich zig-tausende von Euros einsparen, die dem Unternehmen zugutekämen. Die Vorstände und Geschäftsführer würden Verantwortung für ihre Entscheidungen und für ihr Unternehmen zeigen. Und das Beste daran: Es würde Ihnen dabei vermutlich nicht einmal schlechter gehen.

Hier mein Aufruf an alle Wirtschaftsunternehmen: Wenn Sie Steuergelder als Subvention für Ihr Unternehmen in der Krise beantragen oder bereits beantragt und erhalten haben, dann handeln Sie verantwortungsbewusst und mitmenschlich – es ist das Geld Ihrer Mitarbeiter!

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Verantwortung#Etymologie