Bildung und Gleichwürdigkeit

Neulich saß ich bei der Anmeldung zur Fahrschule. Wir wollten uns zum ganz normalen Führerschein anmelden. Das stellte sich als nicht ganz so einfach heraus, denn laut der Fahrschule machen 99,9% der Fahrschüler nicht mehr den ganz normalen Führerschein, sondern sie lernen im Automatik-Auto fahren und machen auch damit die Prüfung. Gut, das verstehe ich, denn Automatik zu fahren ist deutlich bequemer. Aber welcher Jugendliche ist in der Lage, sich einen Automatik-Wagen zu leisten? Ist ein Wagen mit Gangschaltung nicht deutlich günstiger? Wie sollten sie aber einen solchen sicher fahren, wenn sie es nicht lernen? Ich stellte also die Frage, aus welchem Grund diese Prozedur so gehandhabt wird. Und da kam sie – die Antwort:

Weil man es den Jugendlichen heute nicht mehr beibringen kann.

Ich hakte nach (mein Kind saß daneben): „Halten Sie die Jugendlichen heute wir dümmer als uns damals?“

„Nein, sie sind nur motorisch dazu nicht mehr in der Lage.“

Ich schaute mein Kind von oben bis unten an, sah zu dem Fahrschullehrer und staunte: Mein Kind hat zwei Arme, zwei Beine, einen Kopf, zwei Ohren und einen Mund. Genau, wie ich, wie der Fahrschullehrer und seine Frau. Mir viel genau das bei vielen Menschen auf.

Gleichwürdigkeit – was ist das eigentlich?

Es bedeutet, dass alle Menschen – unabhängig von Alter, Geschlecht, Religion, Rolle oder Kompetenzniveau – die gleiche Würde haben.

Artikel 1 im Grundgesetz. Bäm!

Das klingt simpel. Ist aber ungefähr genauso herausfordernd, wie der Start in den Montagmorgen ohne Kaffee.

Ein kleiner Blick auf das deutsche Schulsystem

Unser Schulsystem ist ein faszinierendes Konstrukt. Historisch gewachsen, etwas reformiert, ein bisschen verwaltet und an vielen Stellen so starr, wie das Pendel einer Wanduhr.

Die Strukturen sind klar: Top down. Hierarchie kennt keine Grenzen. Fokus auf Leistung nach vorgegebenen Tests.

Ist das wirklich unser Ziel: So gut zu sein, wie Tests? Entwickeln sich die Tests eigentlich auch weiter?

Was fehlt ist Beziehungsarbeit. Wahrnehmen, zuhören, Potentiale erkennen, motivieren. Echte Begegnung auf Augenhöhe.

Dies heißt nicht – Stundenplan nach Wunsch. Auch wenn viele Schüler das vermutlich genial fänden. Es heißt: Individuen ernst nehmen statt abwerten.

Schule ohne Beziehung? Technisch möglich, aber nicht sinnvoll

Bildung ist wie ein Glanzthema – es ist in aller Munde. Jeder weiß, wie wichtig es ist. Jeder unterstützt es – oder doch nicht? Die Wissensvermittlung unseres Schulsystems scheint wie eine Wissensvermittlung per DHL-Paket von A nach B. Stichwort: Selbstlernen – bitte schon ab der Grundschule.

Doch so funktioniert das Lernen nicht. Es passiert über Beziehung. Über echte Menschen. Über die Art, wie wir uns begegnen. Egal in welchem Alter. Wenn Kinder, Jugendliche, Erwachsene spüren, dass sie beim Lernen ernst genommen werden, sie als Menschen zählen, dann lernen sie anders. Sie lernen besser und – mit mehr Freude.

Doch wenn das System krankt, kranken auch viele Lehrer. Normal. Zwischen Lehrplan, Vertretungsstunden, Dokumentationen, Zusatzaufgaben (z.B. Erstellung von Leitfäden) bleibt wenig Zeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Und dann passiert genau das Gegenteil.

Gleichwürdigkeit heißt nicht, alles durchgehen zu lassen

„Dann können die Lernenden ja gleich machen, was sie wollen.“ Heißt es. Stimmt nicht.

Es gibt in Deutschland eine sinnvolle Schulordnung. Das wissen die meisten nicht mehr, weil Leitfäden ganz hipp sind. Diese Schulordnung sagt: Das Grundgesetz bildet die Grundlage der Wissensvermittlung. Bähm.

Abgeschlagenheit bei Lernenden, mangelndes Interesse an einem bestimmten Fach, Konzentrationsmangel in einer Stunde heißt nicht: Schule ist doof und ich bin dumm. Es ist ein Signal, dass etwas nicht stimmt. Und dieses Signal wird leider allzu oft abgewertet.

Was wäre, wenn Schule zuhören würde?

Stellen Sie sich vor, Schule würde mehr zuhören. Dann würden

  • mehr Gespräche stattfinden,
  • mehr Verständnis und Empathie für Lebensrealitäten entstehen,
  • mehr Freude am Lernen und Lehren entstehen.

Hinter Gleichwürdigkeit steckt ein simpler Gedanke: Wir lernen besser und mit Freude, wenn wir uns wertgeschätzt fühlen.

Ein kleiner Alltagsmoment

Ich selbst habe mal Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Angefangen bei einem kleinen Mädchen, das unsere Sprache nicht kannte und in die gleiche Klasse ging, wie mein Kind. Einmal die Woche haben wir zusammen gelernt für eine Stunde. Sie hat mit Freude gelernt, weil ich sie wahrgenommen habe. Wir haben Späße gemacht, haben über Fehler gelacht und sind zum Lernen zurückgekommen. All das, wie selbstverständlich. Sie wurde im Fach Deutsch mit die Klassenbeste.

Das macht mich stolz. Daran sehe ich, dass Lernen von Kindern gewollt wird.

Fazit

Das deutsche Schulsystem ist kein Schnellzug. Eher ein stehen gebliebener ICE auf einer maroden Strecke. Gleichwürdigkeit ändert zwar nichts an unser Schulsystem selbst, aber es macht es verdaulicher für alle Beteiligten. Es lässt Entwicklungen an Stellen zu, die sonst zu starr sind.

Jeder von uns kann seinen Teil dazu beitragen – Eltern, Lehrer und Lernende. In jedem Gespräch zu jeder Zeit. Gleichwürdigkeit ist keine Reform, sondern eine innere Haltung. Die innere Haltung, die uns hilft, Kinder und Jugendliche besser zu begleiten. Die hilft, eine Gesellschaft des Miteinanders zu schaffen. Gleichwürdigkeit kennt keine Grenzen, sie macht den Alltag freundlicher und entspannter. Auch im Straßenverkehr.

Sie haben diesen Artikel gelesen und sind mit dem Schulsystem verbunden? Sie wollen Gleichwürdigkeit in Ihren Alltag bringen – und das lehren wie lernen erleichtern?